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Die Achterbahn ist nicht mehr genug: Bloß als Freizeitpark will die Familie Mack ihr Unternehmen nicht mehr sehen, sondern als eine Plattform für Spaß und Unterhaltung.

sup. STUTTGART, 6. Januar. Das neue Jahr wird spannend. Europa-Park-Fans wissen längst, dass „Rulantica“ das nächste große Ding sein wird, das in Rust entsteht, ein Wasserpark, der die Besucher in eine nordisch anmutende Welt eintauchen lässt. Zwischen einer Wikinger-Siedlung und einem Abenteuerspielplatz mit versunkenem Dreimaster warten Wellenbäder und Strömungskanal, 17 Wasserrutschen und – wie sich das für so eine sagenhafte Szenerie gehört – Trolle. Rund 150 Millionen Euro steckt der Europa-Park in die Wasserwelt, die größte Investition der Geschichte dieses Familienunternehmens; da sollte möglichst nichts schiefgehen.
 
Für die Eigentümerfamilie Mack hat „Rulantica“ auch symbolische Bedeutung. Die Sache ist quasi das Meisterstück von Thomas und Michael Mack. Zwar wird noch immer ihr Vater Roland Mack als „Mister Europa-Park“ wahrgenommen, aber nachdem die Brüder, 38 und 40 Jahre alt, vor gut zwei Jahren in die Geschäftsführung des Familienkonzerns berufen wurden, ist „Rulantica“ nun das erste große Projekt, das sie zu verantworten haben.

Er wünsche sich, dass die Wasserwelt zu seinem 70. Geburtstag am 12. Oktober 2019 fertig sei, erklärte Roland Mack im vorigen Herbst im Gespräch mit dieser Zeitung. Ob die Punktlandung gelingen wird, will im Augenblick niemand versprechen. Schon die florierende Bauwirtschaft macht das Vorhaben knifflig, wegen der guten Auftragslage sind Handwerker knapp. Dazu kommen, wie auf jeder Großbaustelle, allerlei Überraschungen. Wer hätte ahnen können, dass allein die Zulassung einer Wasserrutsche eineinhalb Jahre dauern könnte, erzählt beispielsweise Michael Mack über die Unwägbarkeiten des Projekts. Auch die Versammlungsstätten-Verordnung ist plötzlich ein Thema. „Wegen Überfüllung geschlossen“, das sollen „Rulantica“-Besucher möglichst nie lesen, weshalb ein Buchungssystem nötig ist. „Wir wollen es möglichst einfach machen“, sagt Thomas Mack. Stand jetzt wird der Spaß knapp unter 40 Euro kosten: weniger als der Europa-Park, aber mehr als ein typisches Spaßbad – so selbstbewusst sind die Macks, dass sie das wagen.

Mit „Rulantica“ wächst der Europa-Park auch endgültig über einen Freizeitpark hinaus. Das Unternehmen mit seinen aktuell 3900 Mitarbeitern ist ohnehin längst viel mehr, wie die Tourismus-Statistik zeigt, die für das Örtchen Rust jährlich über eine Million Übernachtungen ausweist. Hier, 30 Kilometer nördlich von Freiburg, ist eine funktionierende Unterhaltungsmaschinerie entstanden. Fünf Themenhotels gibt es schon, im nächsten Frühjahr wird das sechste eröffnet, das passend zur Wasserwelt einem nordischen Naturkundemuseum nachempfunden ist. 6000 Betten gehören dann zu dem Mack-Imperium und ansonsten alles, was man braucht, um jedes Jahr 1400 Veranstaltungen zu managen, sowohl externe als auch Kongresse oder Parteitage, aber auch eigene Angebote vom Kochkurs im Nobelrestaurant bis zur Eisrevue.

„Wir sind eine Plattform für Spaß und Unterhaltung“, bringt Michael Mack die eigene Sichtweise auf den Punkt, und er spielt damit auch auf die digitalen Chancen an, die man nutzen will. Mit Virtual Reality (VR) wird im Europa-Park schon seit Jahren experimentiert. So erleben Besucher unter VR-Brillen die Fahrt auf einer eher harmlosen älteren Bahn als wildes Abenteuer, das ihnen vor Augen ist, während sie im Bauch die Schwerkraft spüren und im Gesicht den echten Fahrtwind.

Mit Angeboten dieser Art ist die 2015 gegründete Tochtergesellschaft VR Coaster schon Weltmarktführer geworden. 70 Anbieter haben schon mehr als 8 Millionen Menschen eine VR-Fahrt erleben lassen – und in Rust klingelt die Kasse. „Wir verdienen damit Geld“, berichtet Michael Mack stolz. Der neueste Schrei ist eine VR-Brille für ein Unterwasser-Erlebnis, die für ein Spaßbad in Arizona entwickelt wurde. 40 Mitarbeiter beschäftigt Mack in diesem jungen Unternehmen, dessen Keimzelle die Universität Kaiserslautern ist. Weil die Macks gern alles selbst machen, haben sie zudem das größte deutsche Animationsstudio, Ambient Entertainment in Hannover, gekauft. Dort entstand der erste Kinofilm im Auftrag der Macks („Happy Family“), weitere sollen folgen – auch in dieser Branche gibt es Skaleneffekte.

Die Fangemeinde, auf die das Unternehmen setzen kann, ist riesig. Allein in diesem Jahr sind rund 5,6 Millionen Menschen nach Rust gepilgert. Es war eine sehr, sehr gute Saison, wie die Brüder resümieren. Aber es war ein schwieriges Jahr. In den Sommerferien war es viel zu heiß, und vor allem gab es diesen Großbrand: „Holland in Not. Skandinavien zu“, musste der Europa-Park Ende Mai melden. Rauchwolken waren weithin sichtbar: 25 000 Besucher mussten evakuiert werden. In diesem Unglück zeigte sich die Solidarität der treuen Kunden, von denen viele sich meldeten und über ihre Kindheitserinnerungen schrieben, wie Thomas Mack berichtet: „Wir dürfen nicht zu viel verändern. Es geht um die Seele des Parks.“

Aber Visionen haben sie gleichwohl. Eine davon lautet, dass der Europa-Park zu einem Symbol der deutsch-französischen Freundschaft werde. Eine Seilbahn soll aus dem Elsass zum Europa-Park führen, verbunden mit einer Ferienanlage ganz nach französischem Geschmack, damit das dortige Ende der Seilbahn nicht einfach nur zum Großparkplatz für den Europa-Park wird, sondern auch Wertschöpfung bringt und Arbeitsplätze in eine strukturschwache Region.

Noch ist das nicht mehr als eine Idee. Vor Ort sorgt sie für Aufregung, unter anderem, weil die Bahn durch zwei Naturschutzgebiete am Rhein führen würde. Das Murren wird aber überlagert von einem starken Bild. Das zeigt die Familie Mack, mit zwei Politikern, denen sie ihre Idee in Straßburg zeigen durften und die sich begeistert zeigten: der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron.

Quelle: Faz.net